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AKTUELL 

 

Über diese Ausstellung

 

Text von Sonia Itten

 

Seit meiner Kindheit begleitete mich stets das Interesse an Insekten und umso mehr freue ich mich natürlich, dass ich im Laufe der Zeit auch noch andere Kunstschaffende gefunden habe, die sich künstlerisch mit diesen Thema beschäftigen mögen.

Im Hinblick auf den aktuellen Insektenschwund ist es äußerst notwendig, sich mit ihnen ernsthaft zu befassen.

 

Dabei gibt es doch soviele andere Probleme: Pandemiefolgen, Kriege, Klimawandel, Energiekrise, Armut und Hunger und die unendlich große Not der vielen Flüchtenden überall auf der Welt - und dennoch soll die Beschäftigung mit den Insekten ebenso wichtig sein ?

 

 

 

Aber Insekten und Artenvielfalt sind nicht nur gesellschaftsrelevant, sondern für das Leben auf der Erde gar überlebensrelevant, denn ihr rasanter Schwund wird alle diese großen soeben aufgezählten Welt-Probleme um ein Vielfaches verstärken.

 

Der Biologieprofessor Dave Goulson hat sein Buch über den Insektenschwund "Die stumme Welt" genannt, denn die Singvögel werden in gleichem Tempo zurück gehen wie ihre eiweißreiche Insektennahrung.

 

 

 

"Insekten mögen klein sein, aber sie verrichten die ganz großen Arbeiten auf unserer Erde.

 

Sie entsorgen Abfälle, bestäuben Pflanzen, ernähren unzählige Tierarten und bereichern die Welt mit ihrer vielgestaltigen Schönheit.

 

Dennoch wird ihr Beitrag kaum wahrgenommen und es sterben Tag für Tag hunderte Arten aus.

 

Ohne die Insekten würde die ganze Welt schlicht verwesen, denn es sorgt dann ja keiner mehr für das immerwährende Recycling."

 

Ohne Insekten entstünden riesige Wüsten auf der Erde, dort, wo jetzt noch fruchbares Land ist, weil die Wildpflanzen, die zu 85 % auf Insektenbestäubung angewiesen sind, dann ja auch verschwunden sein werden und so drohen globale Hungersnöte und die Klimaerwärmung würde durch die Wüstenbildung noch rasanter angeheizt.

 

Die Folgen wären riesige Fluchtbewegungen aus Hunger, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können und viele Kriege um die spärlichen Reste von fruchtbarem Land auf der Erde.

Zum Titel der Ausstellung

 

Es handelt sich um Teil 3 der wachsenden Wanderausstellung "Rückruf".

 

 

 

Autos werden in die Werkstatt zurück gerufen, wenn z.B. die Bremsen nicht richtig eingebaut wurden, Lebensmittelhersteller rufen ihre Ware zurück, wenn etwas nicht stimmt mit den Produkten, Rückruf bedeutet also stets: Gefahr!

 

Unser Rückruf bezieht sich auf die fehlerhafte Idee, dass wir Menschen uns rücksichtslos über alle anderen Tiere erheben dürfen, denn diese Auffassung ist ganz offensichtlich eine Gefahr für alles Leben auf der Erde.

 

Wir sollten sie ersetzen durch Achtung vor dem Leben aller Wesen – eben auch der ganz Kleinen, der Schwachen, der Armen, der Hässlichen, der uns nutzlos Erscheinenden und der Verfolgten.

 

Und da Kunst bekanntlich exemplarisch arbeitet, also beispielhaft, lässt sich ihr künstlerischer Inhalt weit übertragen auf andere Bereiche, die im weiten gedanklichen Sinne damit auch zu tun haben:

 

Wie wäre es denn mit Respekt und Fürsorge gegenüber all denen, die wir irgendwie nicht gleich mögen, egal, ob Mensch, ob Tier, aus welchem Grund auch immer - die vielleicht eben anders sind als wir oder eben einfach nur ganz anders aussehen als wir – so wie z.B. Beispiel der Insekten.

 

Und so nähern wir uns gedanklich auf einmal gar der Frage nach Rassismuss und Vorurteil, meist ja basierend auf Äußerlichkeiten.

 

 

 

Den Wert des Andersartigen neugierig zu erkunden und zu versuchen, zu verstehen und anzuerkennen, das wäre die Kunst und auch echte Lebenskunst – und ein schönes Reparatur-Ergebnis nach unserem Rückruf.

 

Mit Kunstwerken werden wir die Welt natürlich nicht retten, das ist uns klar, aber man sollte auch Kunst in ihrer Wirkung nicht unterschätzen.

"Künstler schaffen keine andere Welt – sie sehnen sich nur nach ihr", schrieb Theodor Adorno.

 

Diese Sehnsucht nach einer guten Welt sichtbar zu machen, in einem künstlerischen Atemzug all die schweren Problemen auf der Erde zusammen mit der Idee von einer besseren Welt immer und immer wieder wach zu halten – das ist eine der vornehmen Aufgaben von Kunst.

 

Und dies trägt dazu bei, dass Menschen Phänomene der Welt einmal aus einer ganz anderen Perspektive sehen - und das ist der Anfang von Veränderung.

 

Wenn Sie dann nach Hause gehen später und denken:

 

so habe ich das eigentlich noch nie gesehen, dann hat sich die Mühe der Ausstellung für alle schon gelohnt.

 

 

 

Zu den Kunstschaffenden und ihren Werken:

 

 

 

Thomas W. Bossert ist leider im letzten Jahr nach schwerer Krankheit verstorben.

 

Und so haben wir einen ganz wunderbaren Menschen und Freund und einen Maler mit meisterlichem Können verloren. Er wollte noch mehr Bilder zum Thema schaffen, aber dazu kam es nun nicht mehr.

 

Ars longa – vita brevis, die Kunst hält lange, das Leben ist kurz, so lautet ein Zitat des Arztes Hippokrates aus der Antike.

 

Wahrscheinlich kommt allen Künstlern immer mal der Gedanke, dass ihre Werke sie wahrscheinlich überleben werden...

 

Wir dürfen die beiden Insekten-Bilder von Thomas weiterhin mit auf unserer Wanderausstellungs-Reise mitnehmen.

 

Es hätte ihm sicher gefallen.

 

Seine Bilder sind fantastisch und rätselhaft surrealistisch, was ja den Anmutungen, die Insekten auf uns Menschen häufig haben, sehr gut entspricht.

 

Wir sind unendlich traurig, dass er nun auf einmal nicht mehr bei uns ist.

 

Das Triptychon von Rolf Hartung aus Köln verströmt eine märchenhafte Stimmung, die den Beginn des Lebens auf der Erde thematisiert.

 

Die Insekten sind ja schließlich schon seit 480 Mill. Jahren auf der Erde, also viel länger als wir.

 

Bettina Bohn bringt – außer ihrer Malerei – Insekten, Tier-Fragmente, Häute oder andere Naturmaterialien und unser eigenes Mensch-Sein ganz eng zusammen und verbindet die Natur dadurch sichtbar und eng mit der menschlichen Form, z.B. auf ihren Torsi-Reliefs.

 

"Mensch, schau mal genau hin! Du bestehst auch nur aus Natur!"- das scheinen viele ihrer Objekte uns zuzurufen.

 

Auf den farbenfrohen, fröhlich wirkenden Bildern von Thomas Steyer spielen sich dramatische Szenen ab, die sonst im Verborgenen bleiben. Die Bilder zeigen in großer Kraft und Dynamik, wie mit einer Riesenlupe, wie es einem ergehen kann, wenn man so ein Miniwesen ist.

 

Brigitte Rosenthals riesige Schmetterlings-Kokons hängen aufgereiht am Galgen, diese Art von Reihen-Galgen sind oft in historischen Darstellungen zu sehen... z.B. aus dem 30jährigen Krieg.

 

"Galgenfrist" lautet ihr Titel.

 

Geben WIR ihnen die Galgenfrist – oder ist es nicht vielleicht so, dass die Insekten, also die Natur UNS noch eine kleine Galgenfrist gewährt, innerhalb derer wir handeln müssten.

 

Das Gemälde einer Bestäubungsdrohne von Andreas Streun

 

findet sich wieder in seinem Werbeplakat für Zeiten, in denen die Insekten ausgestorben sind, als Bestäuber-Maschine sozusagen wird sie hier angepriesen.

 

Es ist ein echt gut angebrachter und warnender Sarkasmus.

 

Die Erzählung von Franz Kafka "Die Verwandlung" war seine Inspiration für das kleine, puppenstubenhafte Objektkästchen und seinen Druck, in dem ein Käfer in einem Bett liegt.

 

Inhalt der Erzählung:

 

Der junge Mann Gregor erwacht morgens überraschend in Gestalt eines menschengroßen dunklen Käfers.

 

Obwohl er noch innerlich genau der gleiche ist, und das ist das wichtigste, erschreckt seine neue Äußerlichkeit alle anderen Menschen.

 

Er kann seinen Beruf nicht mehr ausüben, seine Familie graust es vor ihm und er verhungert schließlich einsam und verzweifelt in seinem Zimmer, in das man ihn einsperrte.

 

Wer nur nach der äußeren Erscheinung geht, so wie wir oft Insekten beurteilen – sieht sein Gegenüber eben falsch.

 

Wolfgang Faller hat eine Bilderserie beigesteuert, in der er von der Schönheit des Schmetterlings über verschiedene Aspekte des Lebens, wie z.B. Fleiß in einem Ameisenhaufen – bis hin zum Thema Tod führt, bei dem Insekten eine große Rolle spielen.

 

Und Stefan Rüegg aus dem Schweizer Rheinfelden hat ein feines kleines Kabinett eingerichtet und dort finden sich allerlei alltägliche Gegenstände, Fliegenfängerleimband, Kuchenförmchen und anderes, die er mitr seiner kreativen Mischung aus Tragik und Witz so verarbeitet hat, dass ich ihnen sehr empfehlen kann, mal genauer hinzuschauen.

 

Sonia Itten

 

Ich selbst setze die im Garten oder am Wegesrand eingesammelten toten Insekten - konserviert in Resinglas - in Korrespondenz zur Menschheitsgeschichte, meist in Kunstglas gegossen und konserviert, als

 

Die Insekten mit ihrer über den Tod hinaus oft ganz unversehrten feinen Eleganz bekommen im Bildkontext von mir ein neues Leben und so lassen sie bei der Betrachtung für einen Sekunden-Bruchteil die Grenze zwischen einem Jenseits und dem Diesseits wohlig verschwimmen.

 

Antike Römerinnen trauern am gläsernen Schneewittchensarg um eine verstorbene Wespe oder Insekten-Mumien lassen den Traum vom ewigen Leben, den bekanntlich schon die alten Pharaonen Ägyptens träumten, anklingen...

 

 

 

Nun wünsche ich – auch im Namen der anderen beteiligten Künstlerinnen und Künstler eine gute Zeit in der Ausstellung und dass Sie später mit vielen neuen guten und frohen Gedanken heim gehen!

 

Mit herzlichem Dank an das Kulturamt Rheinfelden und das Haus Salmegg, an die Schülerinnen des Georg Büchner–Gymnasiums, an den BUND für deren Mitwirkung.

Sonia Itten (Zitieren unter Angabe der Quelle gestattet)

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Teilnahme Ausstellung zum 20 jähringen Jubiläum des VbK Lörrach im Dreiländermuseum Lörrach

AUSBLICK 


Beteiligung an Mail-Art-Ausstellung im Markgräfler Museum Müllheim

"(R)evolution"



 ARCHIV:







29. 10. 2016 - 28. 1. 2017 : Ausstellung Helios-Klinik Müllheim

27. 11. 2016 (Vernissage):  Ausstellung Galerie Schlossgasse, Schlossgasse 13a

Grenzach-Wyhlen