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Von Briseis bis "Metoo"

 

Das Mädchen Briseis finden wir in Homers Geschichte vom Trojanischen Krieg, ein 10 Jahre währender, erbitterter Krieg um eine andere Frau, die schöne Helena. 

 

Legenden und Mythologien haben (im Gegensatz zur Mystik) exemplarische Charakter und Lebensphänomene hervor gebracht.

Es ist unerheblich, ob es das Mädchen Briseis, den Helden Achilles, die schöne Helena und andere Personen der Homerischen Überlieferung wirklich gegeben hat.

Sie alle fungieren als Prototypen menschlicher Charaktere und Schicksale.

 

Auch die Frage, mit der sich die Historiker befassen, nämlich ob es den trojanischen Krieg in der uns überlieferten Form überhaupt gegeben hat, ist nicht wichtig, wenn wir uns als Kunstschaffende damit beschäftigen.

Aber die Rolle, die Briseis, das Mädchen als Kriegsbeute spielt, ist bedeutsam und führt im Zuge der Auseinandersetzung zu Erkenntnissen, deren Gültigkeit bis heute unverändert ist.

Es geht darum, Politik zu machen mit dem Körper der Frau, so wie es auch im europäischen Adel noch bis in die Neuzeit üblich war, um Frauen als Kriegsbeute, Frauen als Ware, Frauen als nicht-individuelle Wesen... 

 

Der Name des Mädchens "Briseis" zeugt schon von solcher Verachtung ihrer Persönlichkeit:

In der Antike war es üblich, den Mädchen einfach den Abstammungs-Namen des Vaters zu geben.

Briseis war die Tochter des Apollonpriesters Brises.

Die weibliche Form also Briseis. 

Sie wurde geraubt während der Kriegshandlungen und dem Helden Achilles als Beute zugesprochen, lebte mit ihm in seinem Kriegszelt, 

bis der Feldherr Agamemnon Briseis als seine Beute einfordert.

Es entbrennt ein Kampf der "Helden" um dieses Mädchen. 

Wenn wir in diese Geschichte schauen, dürfen wir nicht nur auf den Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit blicken sondern damit eingehend auch auf den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. 

 

Dies alles geschah im Zusammenhang mit gewaltigen Kriegen und Wanderungsbewegungen.

Welche Rolle Frauen dabei spielten, ist ein faszinierendes Thema für künstlerische Auseinandersetzungen, ihre Aussagen und Inhalte reichen bis in unsere Zeit. 

Frauen waren noch mächtig, hatten aber nichts mehr zu sagen. 

Wie spürt man diesen Zwiespalt auf ?

Welche Tugenden, Charaktere, Episoden, Unterdrückungsmechanismen, Geschichten, finden sich in dem ganzen Komplex dieser Wandlungen ? 

Und welche Kontinuitäten finden sich bis heute im Frauenbild und in Mechanismen zur Unterdrückung - offen oder subtil, kritisiert oder anerkannt, in Europa und weltweit...