KunstSpirative Itten

Guter Junge, bleibe zart -

das Achilles-Projekt

 

"Ach wären wir Menschen doch ein Volk von Drückebergern.

Wir hätten viel Zeit, die Erde fruchtbar zu machen.

Und könnten gelöster von dannen zieh´n." 

 (Hanns Dieter Hüsch / aus "Hagenbuch")

 

"Und danach ?"

"Danach machen sie wieder so einen Friedensvertrag."

"Und warum machen sie das nicht vorher?"

(Gespräch zweier Jungen aus dem Gazastreifen,

sitzend auf Trümmern eines Wohnhauses/TV-Beitrag 2014)

 

"Ziele nie - und wenn es nur eine Wasserpistole ist - auf einen Menschen." 

(Mutter von Dieter HIldebrand)

Von Helden, kleinen Jungs und Müttern

 

 

Aus der Mythologie:

Thetis, eine Meeresnymphe, war die Mutter des Helden Achilles. Ihr war von den Göttern prophezeit worden, dass ihr neu geborener Sohn Achilles einst ein großer Held werden würde, aber jung in einem Krieg sterben wird.

Thetis umgab ihren kleinen Sohn Achilles mit liebender Fürsorge und wollte mit allen Mitteln verhindern, dass die Weissagung über seinen frühen gewaltsamen Tod Wahrheit werde.

Sie tauchte den Knaben in den Fluss Styx, um ihn unverletzbar zu machen, die Stelle an der Ferse, dort wo sie das Kind hielt, blieb aber unbenetzt vom Wasser und daher verletzlich, es war die so genannte "Achillesferse".

Andere Überlieferungen berichten, dass sie das Kind in einen Kessel kochenden Wassers tauchte, um ihn nach Götter-Art unverletzlich zu machen.

Auch hier war die Ferse das Körperteil, an dem sie das Kind hielt.

Oder es heißt, sie habe ihr Kind tagsüber mit göttlichem Ambrosia-Nektar eingerieben und nachts habe sie es ins Feuer eingetaucht, damit dieses die sterblichen Anteile verzehre.

Die verzweifelte Mutter Thetis wusste, dass ihm diese Stelle an der Ferse im Krieg zum Verhängnis werden würde und so versuchte sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass sie ihr Kind zum Kampf hergeben musste.

Achilles wuchs darum in Mädchenkleidern auf, Thetis bat den König Lykomedes, dass ihr als Mädchen verkleideter Sohn Achilles versteckt mit den fünf Königstöchtern aufwachsen dürfe, damit man ihn nicht finden und zum Krieger machen könne.

 

Schließlich aber wurde er zwischen den Mädchen entdeckt und musste mit in den Trojanischen Krieg ziehen, wo er nach einigen furchtbaren von ihm verübten Greueltaten starb. Der Mythos vom Helden Achilles hat sich erhalten, sein Name beschreibt den Prototypen des Kriegshelden schlechthin. Von Geburt an dazu bestimmt und sein Leben - ablaufend wie ein Programm ohne Alternativen - endet gewaltsam...

 

Mütter von Soldaten unternahmen und unternehmen viel, auch manche Väter, um ihre Kinder dem teuflischen kriegerischen Werk zu entziehen - und sind doch machtlos. Die Weissagung für den Knaben Achilles gilt potentiell exemplarisch für alle Jungen. 

Die "Prophezeiung" vom Tod des Achilles steht für die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen es als gewöhnlich und unabwendbar hinnehmen sollen, dass Kinder und Jugendliche, vor allem Jungen, zu Kriegszwecken der Mächtigen benutzt, an Körper und Seele verletzt und massenweise getötet werden.

Auch Odysseus, ein weiterer "Held" des Epos, wird zuweilen als der erste Kriegsdienstverweigerer der Weltgeschichte bezeichnet. Er will nicht mit in den trojanischen Krieg ziehen, sondern bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn bleiben. Er stellt sich geisteskrank, geht an den Strand, nimmt einen Pflug, streut Salz in die Furchen und redet absichtlich wirres Zeug, als die Kriegsherren kamen, um ihn zu holen. Schließlich legten sie seinen kleinen Sohn vor den Pflug und so stoppte er. So befand man, er sei nicht verrückt, sondern kriegstauglich genug....

Die "Helden" sind Kinder, Jungs, Väter, Brüder, Ehemänner.

 

Soldatenmütter (und - Väter) erleben überall auf der Welt und zu allen Zeiten die immer gleiche Tragik, dass das Kind, dass sie mit großer Fürsorge betreut haben und lieben, zum Hinschlachten in einen Krieg geben müssen.

Seit den Zeiten, in denen die trojanische Sage entstand, zum Ende der Bronzezeit, hat sich in dieser Hinsicht - wenn man genau hinschaut - nur wenig geändert. 

Thetis steht exemplarisch für Mütter, aber auch generell für Eltern aus Jahrtausenden der Vergangenheit bis heute, überall auf der Welt, denen man ihre Kinder, meist Söhne, neuerdings auch Töchter, in den Tod und das Leiden entführt - durch Befehl oder "Gehirnwäsche" (damit sie "freiwillig" für einn "gutes Ziel" mitmachen), die man anstiftet zum Morden, nur, weil die Diplomatie der "Großen" und Mächtigen immer und immer wieder so kläglich versagt. 

Die Zartheit der Jungen, ihre Verletzlichkeit, ihre Verspieltheit und später - als Erwachsene - ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten zu Menschlichkeit  zu erhalten und zu fördern und diese Eigenschaften in den Fokus als wahre Helden zu rücken - könnte Kunst da helfen ?

 

 

"Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen"  Fotoreihen von Olivier Itten

(Fotografien aus dem 1. Weltkrieg, aus Computerkriegsspielen und Urlaubsszenen)

 

"Die Großen sind nicht durch sich selbst groß, sondern durch die anderen,

durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet, sie als groß zu erklären.

Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese

eine überragende Ehre und Würde. 

Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht

diese auf einem Punkt angehäufte Summe von Größe

und durch vieler Leute Verzicht auf Macht diese gewaltige Macht.

Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener

ist der Herr nicht möglich."

(Robert Walser)