KunstSpirative Itten / Das Achilles-Projekt: Guter Junge, bleibe zart

 

 

"Ach wären wir Menschen doch

ein Volk von Drückebergern!

 

Wir hätten viel Zeit, die Erde fruchtbar zu machen.

Und könnten gelöster von dannen

zieh´n." 

 (Hanns Dieter Hüsch / aus "Hagenbuch")

 

"Und danach ?" "Danach machen sie wieder

so einen Friedensvertrag."

"Und warum machen sie das nicht vorher?"

 

(Gespräch zweier kleiner Jungen aus dem Gazastreifen, nach Bombenangriffen,

sitzend auf Trümmern eines Wohnhauses/TV-Beitrag 2014)

 

Es geht um die Selbstverständlichkeit und scheinbare Unausweichlichkeit der Vorbestimmung von kleinen Jungen, Soldaten, Kämpfer, Helden zu werden. 

So starben auf den Schlachtfeldern auch die Sensiblen, die Dichter, die Künstler, die Schwächlichen, die Zarten, die Friedfertigen und die ganz jungen, fast noch Kinder...

Auch wenn es beim Militär inzwischen durchaus eine nennenswerte Anzahl von Soldatinnen gibt und auch, wenn es - in verschwindet geringer Zahl von Staaten -  die Möglichkeit gibt, den Wehrdienst zu verweigern, ändert es nichts an der oben genannten, Jahrtausende alten Selbstverständlichkeit, die für die Jungen gilt.

 

Die göttliche "Prophezeiung" vom Tod des Achilles durch Heldentum und Krieg in der griechischen Mythologie ist eine exemplarische Erzählung über diese Unentrinnbarkeit, mit der Menschen es als völlig gewöhnlich und unabwendbar hinnehmen sollen, dass Kinder und Jugendliche, vor allem Jungen, manchmal, in einigen Regionen der Welt auch Mädchen, zu Kriegszwecken der Mächtigen benutzt, an Körper und Seele verletzt und massenweise getötet werden und selbst zu Grausamkeit und zum Töten erzogen oder gezwungen wurden und werden.

Achilles, der strahlende Held, konnte dem vorherbestimmten Tod auf dem Schlachtfeld nicht entrinnen. Auch, wenn seine Mutter Thetis mit allen möglichen Mitteln, die Nymphen zur Verfügung hatte, versuchte, ihn unverletzbar zu machen. 

Sie verkleidete ihn gar als Mädchen und ließ ihn zwischen den fünf Töchtern eines Königs aufwachsen. 

Aber er wurde entdeckt und in den Krieg gegen Troja verpflichtet. 

Auch Odysseus, ein weiterer "Held" des Homerischen Epos, wird zuweilen als der erste Kriegsdienstverweigerer der Weltgeschichte bezeichnet:

Er will nicht mit in den trojanischen Krieg ziehen, sondern bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn bleiben.

Dafür stellt er sich geisteskrank, als die Feldherren kommen, um ihn zum Kriegszug nach Troja abzuholen. 

Er ging an den Strand, nahm einen Pflug, streute Salz statt Saatgut in die Furchen und redete absichtlich wirres Zeug.

Die Feldherren wollten nicht glauben, was man sah, hielten ihn kurz für irre und nicht kriegstauglich, aber schließlich legten sie - als Test -  seinen kleinen Sohn vor den Pflug und so stoppte er, um ihn nicht zu überfahren.

Man befand also, er sei nicht verrückt, wisse genau, was er tue, sie also kriegstauglich genug...

So wurde auch er ein "Held" aus dem ältesten Kriegsdrama, oder besser:

Antikriegsdrama der Weltgeschichte.

Am Ende der Geschichte haben nämlich alle verloren. Es gibt keine Sieger, nur Tote, Verletzte, Verschleppte und Zerstörung ist das Endergebniss nach dem Trojanischen Krieg.

Die "Helden" aber waren Kinder, Jungs, Väter, Brüder, Ehemänner.

"Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen " Fotoreihen

von Olivier Itten 

(Fotografien aus dem 1. Weltkrieg und aus Video-Kriegs-Spielen,

sowie Urlaubsszenen)

 

"Die Großen sind nicht durch sich selbst groß,

sondern durch die anderen,

durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet,

sie als groß zu erklären.

Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese

eine überragende Ehre und Würde. 

Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht

diese auf einem Punkt angehäufte Summe von Größe

und durch vieler Leute Verzicht auf Macht

diese gewaltige Macht.

Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener

ist der Herr nicht möglich."

(Robert Walser)

 

"Ziele nie - und wenn es nur eine Wasserpistole ist - auf einen Menschen." 

(Mutter von Dieter Hildebrandt)